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Genitiv – Wikipedia

Genitiv

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
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Der Genitiv, seltener Genetiv (von lateinisch casus genitivus: die Herkunft bezeichnender Fall), im Deutschen auch Wesfall oder Wessenfall, ist in der deutschen Grammatik der 2. Fall.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Sprachliche Funktionen des Genitivs

Im Genitiv stehen u. a. Wortgruppen, die ein Eigentums- oder BesitzverhĂ€ltnis ausdrĂŒcken. In der Wortgruppe das Haus des Nachbarn steht des Nachbarn im Genitiv. Mit der Frage „Wessen Haus ist das?“ kann man das Genitivattribut bestimmen. Dieser Gebrauch des Genitivs wird in der lateinischen Grammatik als genetivus possessivus bezeichnet. In der Funktion als Bezeichner von Attributen in dieser possessiven Bedeutung (Possessivgenitiv) kommt der Genitiv im Deutschen am hĂ€ufigsten vor. In der Universalienforschung wird er deshalb auch als Possessivmarkierung bezeichnet.

Daneben werden in der lateinischen Grammatik folgende weitere Funktionen des Genitivs unterschieden, die auch in der deutschen Sprache vorkommen:

  • genitivus qualitatis – der Genitiv bezeichnet eine Eigenschaft: „Ticket zweiter Klasse“, „eine Freude kurzer Dauer“
  • genitivus partitivus – der Genitiv drĂŒckt eine Beziehung des Anteils aus: „der Ă€lteste Sohn der Familie“, „die andere Seite der Medaille“, „der SĂŒden des Landes“
  • genitivus subiectivus – das Genitiv-Objekt ist Quelle einer Handlung: „der Rat des Freundes“, „die Reaktion des Körpers“
  • genitivus obiectivus – das Genitiv-Objekt ist Ziel einer Handlung: „Beachtung der Gesetze“, „die Bestrafung des VerrĂ€ters“
  • genitivus explicativus / definitivus – der Genitiv erklĂ€rt oder beschreibt ein anderes Objekt nĂ€her: „Strahl der Hoffnung“, „die Strafe der Verbannung“, „Besitzer des Hauses“
  • genitivus hebraicus – der Genitiv steigert die Bedeutung des Objekts und drĂŒckt seinen höchsten Grad aus: „das Buch der BĂŒcher“
  • genitivus auctoris – der Genitiv gibt eine Urheberschaft an: „Beethovens 1. Symphonie“

[Bearbeiten] Funktion des Genitivs in anderen Sprachen

In verschiedenen Sprachen gibt es unterschiedliche Anwendungen des Genitivs. So erfordern beispielsweise in der russischen Sprache die Zahlwörter ĐŽĐČа, тро und чДтырД (zwei, drei und vier) den Genitiv. ĐœĐœĐ” ĐŽĐČа ĐłĐŸĐŽĐ°. – Ich bin zwei Jahre alt. Zahlen von fĂŒnf bis zwanzig fordern den Genitiv Mehrzahl, einundzwanzig den Nominativ, weil die Zahl auf eins endet, zweiundzwanzig bis vierundzwanzig wieder den Genitiv Einzahl (ĐœĐœĐ” ĐŽĐČаЮцать ĐŽĐČа ĐłĐŸĐŽĐ°. – Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt.) Dann folgt wieder Genitiv Mehrzahl bis 30, dann wiederholt sich alles bei jeder weiteren Dekade bis hundert, der Nominativ bei hunderteins und so weiter. Im Litauischen drĂŒckt der Genitiv im Passiv das Agens aus (possessive Satzkonstruktion, z. B. tėvo sergama – „der Vater ist krank“). In mehreren slawischen Sprachen, z. B. Slowenischen, wird Genitiv statt des Akkusativs (aber nicht anderer FĂ€lle) in negierten SĂ€tzen benutzt.

[Bearbeiten] Genitiv als Objekt-Kasus

In der deutschen Sprache wird der Genitiv in seiner Funktion als Genitiv des Objekts von zahlreichen Verben regiert. Beispiele fĂŒr solche Verben sind: bedĂŒrfen, ermangeln, gedenken, harren, pflegen (nur poetisch: der Ruhe pflegen), spotten, sich bedienen, sich besinnen, sich erfreuen (auch: sich freuen), sich erinnern, sich rĂŒhmen.

Satzbeispiele: Sie gedenken der Freunde. Sie erinnert sich ihres letzten Urlaubs. Er erfreut sich bester Gesundheit. Ich bediene mich des Genitivs.

Bei einigen dieser Verben ist es auch möglich, eine PrĂ€position statt der Genitivkonstruktion zu verwenden: Sie erinnert sich an ihren letzten Urlaub. Er spottet ĂŒber die Anwesenden. Sie erfreuen sich an den Blumen.

Bei vielen Verben aus der Rechts- und Gerichtssprache handelt es sich um Verben, deren Satzbauplan neben dem Genitiv den Akkusativ fordert. Beispiele: jemanden einer Sache verdĂ€chtigen, anklagen, beschuldigen, bezichtigen, ĂŒberfĂŒhren; aber auch jemanden einer Sache berauben, entheben, verweisen.

[Bearbeiten] Genitiv bei PrÀpositionen

Bei gĂ€ngigen PrĂ€positionen wie wegen oder wĂ€hrend wird der Genitiv in der Umgangssprache immer wieder durch den Dativ ersetzt. Vereinzelt ist auch eine umgekehrte Entwicklung zu beobachten: Im BemĂŒhen um einen besonders gehoben und offiziell erscheinenden Sprachstil in Rundfunk und Presse werden gelegentlich PrĂ€positionen, die in der Standardsprache den Dativ verlangen (entsprechend, entgegen, gemĂ€ĂŸ, nahe), mit dem Genitiv verbunden. Auch entwachsen in der Kanzleisprache aus einigen Hauptwörtern neu gebildete PrĂ€positionen, etwa „seitens“.

Ungeachtet solcher Tendenzen wird der Genitiv bei PrĂ€positionen immer dann durch den Dativ ersetzt, wenn ein Nomen im Plural weder durch einen Artikel noch ein Adjektiv mit Fallendungen begleitet wird und somit am Nomen allein nicht zu erkennen ist, dass es im Genitiv steht, weil die Form des Genitiv Plural mit der Form des Nominativ Plural ĂŒbereinstimmt. So ist im Ausdruck „wegen Hagels“ der Genitiv möglich (das -s in Hagels lĂ€sst den Genitiv deutlich werden), im Ausdruck „wegen Hagelschauern“ muss der Dativ stehen, da der Genitiv im Plural („Hagelschauer”) allein am Nomen nicht erkannt werden kann.

In frĂŒherer Zeit verwendete man auch bei nachgestelltem ohne den Genitiv, so noch erhalten in zweifelsohne.

Viele deutsche PrĂ€positionen, darunter manche, die heute als veraltet empfunden werden oder die einen geschraubten Kanzleistil reprĂ€sentieren, fordern ebenfalls den Genitiv. Beispiele fĂŒr PrĂ€positionen mit Genitiv sind: abseits, abzĂŒglich, anfangs, angesichts, anhand, anlĂ€sslich, anstatt, anstelle, aufgrund, ausgangs, ausschließlich, außerhalb, auswĂ€rts, ausweislich, bar, begierig, behufs, beiderseitig, beiderseits, beidseits, bergseits, betreffs, bezĂŒglich, binnen (auch mit Dativ), dank (auch mit Dativ), diesseits, eingangs, eingedenk, einschließlich, einwĂ€rts, ende, exklusive, fĂ€hig, im Falle, fernab, frei, froh, fĂŒndig, geachtet, gedenk, gelegentlich, gewahr, gewĂ€rtig, gewiss, gewohnt, habhaft, halber, hinsichtlich, hinsichts, infolge, inklusive, inmitten, innerhalb, innert, inwĂ€rts, jenseits, kraft, kundig, lĂ€ngs, lĂ€ngsseits, laut (auch mit Dativ), ledig, linkerhand, linkerseits, links, linksseitig, mĂ€chtig, mangels, mithilfe, mittels, mĂŒde, namens, nördlich, nordöstlich, nordwestlich, ob (also: ob des erlittenen Verlustes), oberhalb, östlich, im Rahmen, rechterhand, rechts, rechtsseitig, satt, seitab, seitwĂ€rts, schuldig, seitens, seitlich, sicher, statt, an 
 statt, sĂŒdlich, sĂŒdöstlich, sĂŒdwestlich, teilhaft, teilhaftig, trotz (auch mit Dativ), ĂŒberdrĂŒssig, um 
 willen, unbenommen, unbeschadet, ungeachtet, ungedenk, unkund, unkundig, unteilhaft, unterhalb, unweit, unwert, unwĂŒrdig, aus Ursachen, verdĂ€chtig, verlustig, vermittels, vermöge, voll, voller, vonseiten, vorbehaltlich, wĂ€hrend, wegen, weitab, wert, westlich, wĂŒrdig, zeit, zufolge, zugunsten, zulasten, zuseiten, zuungunsten, zuzĂŒglich, zwecks. Einige dieser Adpositionen fordern den Dativ, wenn sie nachgestellt stehen (Postpositionen): dem KlĂ€ger zufolge, zugunsten. Nur wenn die genannten Worte als PrĂ€position verwendet werden, verlangen sie immer den Genitiv: Er betrat den Garten anstatt des Hofes. Beispielsweise kann anstatt auch als Konjunktion verwendet werden und regiert dann keinen Kasus, der darauf folgende Kasus hĂ€ngt dann vom Verb ab: Er betrat den Garten anstatt den Hof.

[Bearbeiten] Attributiver Genitiv

Ein Genitiv kann auch ein Attribut markieren. Es hÀngt dann syntaktisch vom Bezugswort ab.

Der Genitiv wird im Deutschen in der Regel nachgestellt:

  • die Segel des Schiffes
  • der Bauch des Architekten

Der Genitiv kann im Deutschen auch vorangestellt werden. Dies wird aber heute nur noch bei Personen und insbesondere bei Personennamen getan. In diesem Fall entfÀllt der Artikel des Bezugswortes:

  • meines Vaters Haus
  • meiner Tochter Kleid
  • Peters Freundin
  • Annas Hund
  • Des Knaben Wunderhorn
  • Des Kaisers neue Kleider

FrĂŒher war der vorangestellte Genitiv verbreiteter. Handelt es sich um keine Personen, wird er aber heute als veraltet empfunden:

  • Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, heute: ... bis an das Ende der Welt.
  • Viele Hunde sind des Hasen Tod.

Dativ und Akkusativ gibt es nicht in dieser Form als Attribute. Aber auch sie können allein stehen, etwa der Dativ auf BriefumschlĂ€gen (Herrn Meier) oder als Akkusativ der Zeit (Wie lange bleibst du? – Den ganzen Tag.).

[Bearbeiten] Form des Genitivs

Frage: „Wessen BlĂ€tter liegen auf dem Boden?“
Antwort: „Die BlĂ€tter des Baumes liegen auf dem Boden!“

Frage: „Wessen GerĂ€usche sind zu hören?“
Antwort: „Die GerĂ€usche des Autos sind zu hören!“

Frage: „Wessen Mobiltelefon klingelt?“
Antwort: „Marias Mobiltelefon klingelt!“

[Bearbeiten] Besonderheiten

  • Wenn ein Eigenname auf einen stimmlosen S-Laut endet und kein Artikel, Possessivpronomen oder dergleichen davor steht, wird zur schriftlichen Kennzeichnung des Genitivs gemĂ€ĂŸ § 96 der Regeln zur Deutschen Rechtschreibung der Apostroph verwendet. Endungen können folgende sein: ce (Bruce’), s (Klaus’), ss (Grass’), ß (Weiß’), tz (Katz’), z (Merz’) und x (Marx’).
    • Zu beachten ist, dass die genannten Buchstaben nur dann den Genitiv durch Apostrophierung bilden, wenn ihnen auch tatsĂ€chlich der Laut [s] entspricht oder er stumm bleibt; wenn nicht, wird in der geschriebenen ebenso wie in der gesprochenen Sprache ganz normal ein s angehĂ€ngt, so etwa MiloĆĄevićs, nicht *MiloĆĄević’ (ebenso wie Millowitschs, nicht *Millowitsch’) oder BeneĆĄs, nicht *Beneơ’ (ebenso wie Bauschs, nicht *Bausch’).
      • Eine Ausnahme hiervon stellen lediglich Wörter dar, die auf eines der Grapheme enden, das aber stumm bleibt. Man schreibt Jacques’ (und nicht *Jacquess) oder Giraudoux’ (und nicht *Giraudouxs), obwohl in der gesprochenen Sprache durchaus ein [s] angehĂ€ngt wird ([ˈʒak+s]).
    • Da der Genitiv im Deutschen markierungspflichtig ist, kann der Apostroph bei nachgestellten Genitiven nicht verwendet werden. So ist in dem Syntagma Klaus’ Hund an Wortstellung und Intonation zu erkennen, dass Klaus hier im Genitiv steht; in dem Syntagma der Hund Klaus ist jedoch Klaus nur als der Name des Hundes interpretierbar, und dies kann auch nicht dadurch geĂ€ndert werden, dass man Klaus einen Apostroph hinzufĂŒgt: *der Hund Klaus’ wĂ€re beim Lesen zwar verstĂ€ndlich, aber ein nicht auszusprechender Text.
    • Sollen stilistisch unglĂŒckliche Genitive von Eigennamen, die auf einen S-Laut enden, wie Klaus’ Freund Thomas oder Marx’ „Kapital“ vermieden werden, kann man auf die veraltende Genitivbildung mit -ens zurĂŒckgreifen: Klausens Freund Thomas, Marxens „Kapital“. Ferner ist in diesem Fall auch die Umschreibung mit von möglich (analytische Formbildung: Thomas, der Freund von Klaus, „Das Kapital“ von Marx).
  • Bei festen Wendungen mit Namen wird der Genitiv oft durch ein mit dem Suffix -sche gebildetes Adjektiv ersetzt: statt Verners Gesetz heißt es: vernersches Gesetz oder Vernersches Gesetz.
  • In einigen FĂ€llen kann ein „flĂŒchtiges e“ auftreten. Dann sind zwei Genitivvarianten möglich. Beispiel: des Baums/des Baumes.
  • In dichterischer Sprache und fest gefĂŒgten Wendungen kann die Genitivform von Pronomina verkĂŒrzt werden. Beispiel: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Die Abtrennung des s durch Apostroph beim Genitiv ist im Deutschen nicht mehr ĂŒblich. Sie war bis ins 19. Jahrhundert auch in der geschriebenen und gedruckten deutschen Hochsprache noch verbreitet, von der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurden die Werke Kants sogar im 20. Jahrhundert noch unter dem Titel „Kant's Gesammelte Schriften“ herausgegeben. Mit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 galt dies aber als Fehler. Nach neuer Rechtschreibung ist der Apostroph wieder zulĂ€ssig, wenn damit die Grundform eines Personennamens verdeutlicht werden soll.

[Bearbeiten] Beispiele

Frage: „Wessen Uhr ist defekt?“
Antwort: „Hans’ Uhr ist defekt.“ oder auch: „Hansens Uhr ist defekt.“

Frage: „Von wessen Wunderland wird erzĂ€hlt?“
Antwort: „Von Alice’ Wunderland wird erzĂ€hlt.“

[Bearbeiten] Alternative Bildung des Genitivs

Der Possessivgenitiv kann im Deutschen durch prĂ€positionale FĂŒgungen mit von ersetzt werden (also die Werke von Goethe). Dies geschieht vor allem in der Umgangssprache. Außerdem kann man mit der Konstruktion mit von die Unbestimmtheit von PluralausdrĂŒcken betonen (eine Mutter von drei Kindern anstatt eine Mutter dreier Kinder). Stehen mehrere Attribute nebeneinander, werden die Genitiv- und die von-Konstruktionen zur stilistischen Variation benutzt (am Tag von Marias Hochzeit anstatt am Tag der Hochzeit Marias). Die von-Konstruktion bietet auch einen Ausweg, wenn kein Wort die Genitivendung tragen kann (das Geschrei von GĂ€nsen; das Geschrei der GĂ€nse dagegen beinhaltet nicht die Unbestimmtheit).

Eine weitere Form zur Anzeige des BesitzverhĂ€ltnisses, die aber nur in der Umgangssprache und in Dialekten genutzt wird, ist eine Form im Dativ mit nachgestelltem besitzanzeigenden Pronomen: unsrer Oma ihr klein’ HĂ€uschen, dem Vater sein Auto, Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion (Johannes Rau) oder der Doris ihrem Mann seine Partei (Wahlkampfslogan der SPD 2002). Sie wird heute oft als unfein empfunden („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.“) und in der Standardsprache vermieden. Diese Form war in mehreren germanischen Sprachen verbreitet, beispielsweise im Englischen als „his-Genitiv“. In der altenglischen Sprache starb diese Genitivform zunĂ€chst aus, entwickelte sich aber spĂ€ter neu und wurde dann durch den Genitiv mit Apostroph ersetzt: father's house. Volksetymologisch wurde diese Form als Kontraktion des his-Genitivs aufgefasst und dadurch stabilisiert.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Genitiv â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary Wiktionary: Genitivattribut â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary Wiktionary: Genitivobjekt â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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