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Alexander von Lykonpolis – Wikipedia

Alexander von Lykonpolis

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Alexander von Lykonpolis (hĂ€ufig auch Lykopolis) war ein antiker griechischer Philosoph (Neuplatoniker). Er lebte im spĂ€ten 3. Jahrhundert und trat als Gegner des ManichĂ€ismus hervor, ĂŒber dessen frĂŒhe Geschichte er wertvolle Informationen liefert.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Werk

Alexander stammte aus Lykonpolis („Stadt der Wölfe“), dem heutigen Asyut in Ägypten. Er ist nur aus seinem einzigen erhalten gebliebenen Werk bekannt, der Streitschrift „Gegen die Lehren Manis“ (Pros tas ManichaĂ­ou dĂłxas). Da er einerseits den Tod des Religionsstifters Mani († 277) erwĂ€hnt, andererseits von der 297 beginnenden Verfolgung der ManichĂ€er im Römischen Reich unter Kaiser Diokletian offenbar nichts weiß, ist davon auszugehen, dass er sein Werk im Zeitraum zwischen 277 und 297 verfasst hat.[1]

Wahrscheinlich erhielt Alexander seine philosophische Ausbildung in Alexandria. SpĂ€ter betĂ€tigte er sich – vermutlich in seiner Heimatstadt – als Philosophielehrer.[2] Er war ein Neuplatoniker, dessen Denken auch von mittelplatonischem Gedankengut geprĂ€gt war.[3] Als in seinem Umfeld manichĂ€ische Missionare auftauchten, die unter seinen SchĂŒlern mit einigem Erfolg fĂŒr ihren Glauben warben, sah er sich veranlasst, ihnen entgegenzutreten. Daher verfasste er seine Abhandlung, in der er die manichĂ€ischen Lehren zu widerlegen versuchte. Es handelt sich um die Ă€lteste bekannte Streitschrift gegen den ManichĂ€ismus. Sie stellt eine wichtige Quelle fĂŒr die frĂŒhmanichĂ€ische Gedankenwelt dar, denn Alexander verfĂŒgte offenbar ĂŒber Informationen, die er einer authentischen Darstellung der manichĂ€ischen Religion aus der Sicht ihrer AnhĂ€nger verdankte. Wertvoll sind insbesondere seine AusfĂŒhrungen ĂŒber die manichĂ€ische Kosmogonie (Lehre von der Weltentstehung).

Einzelne Stellen des ĂŒberlieferten Textes der Abhandlung scheinen von einem Christen ĂŒberarbeitet worden zu sein.[4]

[Bearbeiten] Darstellung und Kritik des ManichÀismus

Die Abhandlung „Gegen die Lehren Manis“ ist nicht fĂŒr ein breites Publikum bestimmt; es handelt sich um eine philosophische Fachschrift, mit der Alexander die Unvereinbarkeit von Platonismus und ManichĂ€ismus aufzeigen will. Er betrachtet den ManichĂ€ismus als persische Lehre im Gegensatz zur griechischen Philosophie. Mit Besorgnis stellt er fest, dass Manis Ideen sogar unter Philosophen Anklang finden. Dieser Entwicklung möchte er Einhalt gebieten.

Da er im ManichĂ€ismus eine pervertierte Variante des Christentums sieht, beginnt er mit AusfĂŒhrungen ĂŒber „die Philosophie der Christen“, die er als „einfach“ bezeichnet. Er beurteilt das Christentum relativ milde, denn er sieht darin eine triviale, aber fĂŒr schlichte GemĂŒter hilfreiche Lehre. Diese bestehe hauptsĂ€chlich aus moralischen Anweisungen, mit denen die Christen ĂŒberhĂ€uft wĂŒrden, ohne dass man sich um eine philosophische Grundlegung ethischer Prinzipien bemĂŒhe. Es gehe nur um das praktische Ziel, gewöhnliche Leute auf den Pfad der Tugend zu bringen, was auch tatsĂ€chlich erreicht werde. Darin erschöpft sich aus Alexanders Sicht der ursprĂŒngliche Sinn des Christentums. Das Fehlen einer tauglichen theoretischen Basis habe sich jedoch als verhĂ€ngnisvoll erwiesen, denn es seien ehrgeizige und neuerungssĂŒchtige, aber zu gedanklicher Klarheit unfĂ€hige SektengrĂŒnder aufgetaucht, die neue Lehren eingefĂŒhrt und unter den Christen vielfache Aufspaltung herbeigefĂŒhrt hĂ€tten. So sei aus der ursprĂŒnglichen schlichten Lehre eine hoffnungslos komplizierte und nutzlose Dogmatik geworden.[5]

Das extremste Beispiel fĂŒr dieses abwegige Sektierertum sei der ManichĂ€ismus. Kurz geht Alexander auf das Leben Manis und die manichĂ€ische MissionstĂ€tigkeit ein, dann beschreibt er die Lehre, worauf er sich der Widerlegung zuwendet. Bei der Darstellung der Lehre hebt er hervor, dass der ManichĂ€ismus die Materie (Hyle) als „regellose Bewegung“ (ĂĄtaktos kĂ­nēsis) definiere, worin ein fundamentaler Unterschied zur platonischen und zur aristotelischen Vorstellung von der Materie bestehe.[6]

Bevor er mit der systematischen Kritik beginnt, schildert er das Dilemma, in dem er sich sieht. Die Lehre, mit der er sich auseinandersetzen will, sei irrational, sie stĂŒtze sich nicht auf Argumente, sondern auf die AutoritĂ€t von Schriften. Daher sei sie schwer zu falsifizieren. Statt eines Beweisgangs, den man ĂŒberprĂŒfen könnte, finde man nur Behauptungen. Wenn er eine prĂ€zise wissenschaftliche Widerlegung prĂ€sentiere, werde er damit diejenigen nicht erreichen, die sich dem ManichĂ€ismus kritiklos angeschlossen hĂ€tten. Begebe er sich jedoch auf das Niveau der Gegner, indem er sich einer unsachlichen Beeinflussungstechnik bediene, so verfalle er in eben den Fehler, den er ihnen vorwerfe.[7] Um dem Dilemma zu entgehen, habe er sich fĂŒr ein sehr sorgfĂ€ltiges Vorgehen entschieden.

ZunĂ€chst richtet sich seine philosophische Polemik gegen den manichĂ€ischen Dualismus, gegen die Annahme, es gebe zwei einander entgegengesetzte ebenbĂŒrtige Urprinzipien, den guten Gott und die als unabĂ€nderlich böses Finsternisprinzip aufgefasste Materie, die miteinander im Kampf lĂ€gen. Unter anderem bringt er vor, dass in diesem Fall, wenn es sich bei beiden um reale, erschaffende Urprinzipien handle, jedes von ihnen eine eigene Materie als passives Substrat (TrĂ€ger) benötigen wĂŒrde. Damit wĂ€ren bereits vier Prinzipien erforderlich, was Mani jedoch nicht erkannt habe. Überdies setze die Materie, wenn sie gemĂ€ĂŸ der manichĂ€ischen Lehre regellose Bewegung sei, die Existenz von etwas Bewegtem voraus, nĂ€mlich der Elemente. Dann sei aber unklar, was das zweite Urprinzip sei, der Beweger oder das von ihm Bewegte. Alexander verwirft die dualistische Basis des gegnerischen Weltbilds von seinem monistischen Standpunkt aus; nach seiner Überzeugung ist auch die Materie auf die Gottheit zurĂŒckzufĂŒhren und daher nicht als schlecht zu betrachten. Entschiedener als andere Neuplatoniker lehnt er es ab, die Materie mit dem Schlechten in Verbindung zu bringen.

Außerdem argumentiert er, eine „regellose“ VerĂ€nderung sei im Bereich der Materie gar nicht möglich, da dieses Merkmal keiner der verschiedenen Arten von VerĂ€nderung zukommen könne. Ferner könne die von Mani angenommene Interaktion zwischen den beiden Urprinzipien nur zustande kommen, wenn zwischen ihnen ein drittes vermittelndes Prinzip bestehe, da sie anderenfalls miteinander nichts zu tun hĂ€tten. Dann aber wĂ€re zu fragen, ob das dritte Prinzip körperlich oder unkörperlich sei. Diese Frage stelle sich auch hinsichtlich der zwei Prinzipien Manis. Jede mögliche Antwort darauf (beide unkörperlich oder beide körperlich oder eines körperlich, das andere unkörperlich) fĂŒhre im Rahmen des manichĂ€ischen Systems zu einer absurden Konsequenz. Auch die manichĂ€ische Annahme, Gott sende eine Macht (dĂœnamis) hinab zur Materie, mĂŒsse zu widersinnigen Folgerungen fĂŒhren.

Lachhaft sei die Behauptung, eine durch regellose Bewegung gekennzeichnete Materie könne in der Lage sein, Gott als ebenbĂŒrtiger Gegner entgegenzutreten, sich zu seinem Reich zu erheben und es anzugreifen. Überdies könne sich Gott nicht im Krieg gegen die Materie befinden, da ihm sonst Eigenschaften zugeschrieben werden mĂŒssten, die mit seiner GĂŒte unvereinbar seien. So werde ihm von manichĂ€ischer Seite Zorn und das BedĂŒrfnis unterstellt, die feindliche Materie zu bestrafen. Solche Regungen seien aber schon fĂŒr einen tugendhaften Menschen auszuschließen; erst recht abwegig sei es, sie Gott als dem Guten schlechthin zu unterstellen.

Manis Vorstellung von einem machtvollen Schlechten, das absolut böse sei, sei widersprĂŒchlich. Über welche Macht könnte es verfĂŒgen? Wenn es Macht – also ein Gut – besitze, so könne es sie nur durch Teilhabe am Guten erlangt haben. Durch solche Teilhabe am entgegengesetzten Prinzip werde das Übel aber notwendigerweise vermindert; in diesem Fall könne es nicht absolut sein. Wenn es hingegen absolut sei, so mĂŒsse es ihm an Macht fehlen.

Zahlreiche Ungereimtheiten sieht Alexander in der Kosmologie der ManichĂ€er, auf die er detailliert eingeht. Er wirft ihnen vor, sie hĂ€tten kosmologische Behauptungen aufgestellt, obwohl sie ungebildete Menschen seien, nichts von Astronomie verstĂŒnden und nicht zu logischem Denken befĂ€higt seien. Statt Argumente vorzubringen, begnĂŒgten sie sich damit, ihre wirren, phantastischen Erfindungen darzulegen, wobei sie sich missbrĂ€uchlich auf die Dichtung beriefen. Sie hĂ€tten nicht begriffen, dass poetische und mythische Aussagen nicht buchstĂ€blich aufzufassen, sondern symbolisch auszulegen seien.[8]

Jesus wird in Alexanders Schrift wohlwollend dargestellt. Er erscheint nicht als Erlöser, sondern als verdienstvoller Tugendlehrer fĂŒr Bauern und Handwerker.[9]

[Bearbeiten] Rezeption

Im 9. Jahrhundert befassten sich byzantinische Gelehrte, darunter Photios, aus aktuellem Anlass mit dem Werk Alexanders. Damals bekĂ€mpfte Kaiser Basileios I. die Paulikianer, eine christliche Bewegung, die zur Hierarchie der orthodoxen Kirche in scharfer Opposition stand. Die Paulikianer, deren theologische Ansichten als hĂ€retisch verdammt wurden, galten als geistige Erben des ManichĂ€ismus. Daher wurde eine umfangreiche Sammlung von einschlĂ€gig verwertbaren antimanichĂ€ischen Texten zusammengestellt, die fĂŒr den Kaiser bestimmt war. Dazu gehörte auch die Streitschrift Alexanders. Diesem Anlass ist zu verdanken, dass Alexanders Abhandlung erhalten geblieben ist.

Photios war der irrigen Meinung, Alexander sei Christ und Bischof von Lykonpolis gewesen. Dieser Irrtum war noch in der FrĂŒhen Neuzeit und bis ins 19. Jahrhundert verbreitet; im 18. Band von Mignes Patrologia Graeca, der 1857 erschien, wurde „Gegen die Lehren Manis“ als Werk eines kirchlichen Autors gedruckt. Zwar hatte schon 1696 der Kirchenhistoriker Louis-SĂ©bastien Le Nain de Tillemont erkannt, dass es sich um einen paganen Autor handelt, doch setzte sich diese Einsicht nur langsam durch.[10]

Die erste Ausgabe erschien 1672 in Paris. Der Herausgeber war François Combefis, der auch eine lateinische Übersetzung anfertigte. Der Text war durch zahlreiche Auslassungen und Verderbnisse entstellt. Erst 1895 wurde eine brauchbare Edition publiziert.

[Bearbeiten] Textausgabe

[Bearbeiten] Übersetzungen

  • Pieter Willem van der Horst, Jaap Mansfeld: An Alexandrian Platonist against Dualism. Alexander of Lycopolis’ Treatise ‘Critique of the Doctrines of Manichaeus’. Brill, Leiden 1974, ISBN 90-04-04157-5 (englische Übersetzung mit Einleitung)
  • AndrĂ© Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani. Les Éditions du Cerf, Paris 1985, ISBN 2-204-02238-1 (französische Übersetzung mit Einleitung und ausfĂŒhrlichem Kommentar)

[Bearbeiten] Literatur

  • Maria Vittoria Cerutti: Il mito manicheo tra universalismo e particolarismi regionali. La testimonianza di Alessandro di Licopoli. In: Annali di Scienze Religiose 7, 2002, S. 225–258
  • AndrĂ© Villey: Alexandros de Lycopolis. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 1, CNRS, Paris 1989, ISBN 2-222-04042-6, S. 142−144

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. ↑ Villey (1985) S. 20–22.
  2. ↑ Villey (1985) S. 19f. Vgl. aber die Überlegungen von Hans-Martin Schenke: Marginal Notes on Manichaeism from an Outsider. In: Paul Mirecki (Hrsg.): Emerging from Darkness, Leiden 1997, S. 289–294, hier: 290f. Schenke weist darauf hin, dass Alexander möglicherweise in Alexandria lehrte.
  3. ↑ Van der Horst/Mansfeld (1974) S. 8–13.
  4. ↑ Mark J. Edwards: A Christian Addition to Alexander of Lycopolis. In: Mnemosyne 42, 1989, S. 483–487.
  5. ↑ Alexander von Lykonpolis, „Gegen die Lehren Manis“ 1f. (S. 3f. Brinkmann). Siehe dazu Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u.a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 313–319.
  6. ↑ Alexander von Lykonpolis, „Gegen die Lehren Manis“ 2 (S. 4f. Brinkmann).
  7. ↑ Alexander von Lykonpolis, „Gegen die Lehren Manis“ 5 (S. 8f. Brinkmann). Siehe dazu Richard Harder: Prismata. In: Philologus 85, 1930, S. 243–254, hier: 247 (online); Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u.a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 319f.
  8. ↑ Siehe dazu Richard Reitzenstein: Alexander von Lykopolis. In: Philologus 86, 1931, S. 185–198, hier: 196f. (online).
  9. ↑ Siehe dazu Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u.a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 327–329.
  10. ↑ Zur diesbezĂŒglichen Forschungsgeschichte siehe Villey (1985) S. 16–19, van der Horst/Mansfeld (1974) S. 3 und Anm. 5.

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