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Ahmad Schah Massoud – Wikipedia

Ahmad Schah Massoud

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
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Bild Ahmad Shah Massouds in der Provinz Panjshir in Afghanistan

Ahmad Schah Massoud (persisch â€ŰŁŰ­Ù…ŰŻ ŰŽŰ§Ù‡ Ù…ŰłŰčÙˆŰŻâ€Ž; auf Deutsch meist: Ahmed Schah Massud; international meist: Ahmad Shah Massoud; * 1. September 1953 in Pandjschir; † 9. September 2001 in Takhar) war einer der bekanntesten Mudschaheddin-KĂ€mpfer Afghanistans und AnfĂŒhrer des afghanischen Widerstands gegen die Taliban. Ende 2001 wurde er offiziell zum „Nationalhelden der afghanischen Nation“ ernannt und 2002 fĂŒr den Friedensnobelpreis nominiert.

Massoud, der der Volksgruppe der Tadschiken angehörte, war ein tiefglĂ€ubiger Muslim und ĂŒberzeugter Gegner extremistischer (u. a. wahabitischer) Interpretationen des Islams, wie sie die Taliban, Al-Qaida oder das saudische Königshaus verfolgen.[1] Massoud, ein Sunnit, trug stets ein Buch des Al-Ghazali bei sich.[2] FĂŒr seine AnhĂ€nger war er nicht nur militĂ€rischer AnfĂŒhrer, sondern auch Lehrer und religiöses Vorbild. Sie nennen ihn auch Āmer Sāheb-e SchahÄ«d (freie dt. Übersetzung: „[Unser] geliebter Befehlshaber [und] MĂ€rtyrer“).[2]

Ahmad Schah Massoud spielte eine Hauptrolle beim militĂ€rischen RĂŒckzug der Sowjetunion aus Afghanistan, was ihm den legendĂ€ren Namen „Löwe von Pandjschir“ einbrachte. Das Wall Street Journal nannte Massoud auf seinem Titelblatt: „Der Afghane, der den Kalten Krieg gewann“. Nach dem Abzug der Roten Armee und dem Fall des kommunistischen Regimes 1992 wurde Massoud durch die Peshawar Accords, einen Friedensvertrag verschiedener afghanischer politischer Parteien, zum Verteidigungsminister in der Regierung des afghanischen PrĂ€sidenten Burhanuddin Rabbani ernannt. Der MilizenfĂŒhrer Gulbuddin Hekmatyar, der unter der Kontrolle des pakistanischen Geheimdienstes ISI stand und nach diktatorischer Macht strebte, startete jedoch mit Hilfe Pakistans einen jahrelangen Krieg in der Hauptstadt Kabul. Da Hekmatyar erfolglos blieb, wandte sich Pakistan 1994 den Taliban zu, die Anfang 1995 eine zweijĂ€hrige Bomben- und Belagerungskampagne gegen Kabul starteten und Kabul im September 1996 eroberten.[3][4] Ahmad Shah Massoud zog sich in den Norden Afghanistans zurĂŒck. Unter seiner FĂŒhrung wurde die Vereinte Front zu einer nationalen militĂ€risch-politischen Widerstandsbewegung gegen die Taliban, der Vertreter aller Ethnien Afghanistans (Tadschiken, Paschtunen, Usbeken, Hazara, Turkmenen und andere) angehörten. Zwischen 400.000 und 1.000.000 afghanischer Zivilisten flohen vor den Taliban in die von Massoud kontrollierten Gebiete.[5] Massoud sah die Demokratie als die einzige Staatsform an, die Afghanistan dauerhaft Frieden bringen könnte. Die Vereinte Front stĂŒrzte schließlich Ende 2001 mit amerikanischer LuftunterstĂŒtzung das Talibanregime in Kabul und errichtete eine Übergangsregierung, die bis zu den demokratischen Wahlen im Jahr 2004 regierte.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Biographie

[Bearbeiten] Kindheit und Jugend

Anfang der 1970er Jahre herrschte eine Umbruchstimmung in Kabul, da die Menschen mit dem als korrupt geltenden König unzufrieden waren. Massoud, damals noch ein Student am „Kabuler Polytechnischen Institut fĂŒr Ingenieurwesen und Architektur“, schloss sich – wenn auch nicht ganz aus Überzeugung, sondern mangels Alternativen – der islamistischen und antikommunistischen Bewegung an. ZunĂ€chst in einer Jugendorganisation engagiert, trat er 1976 schließlich auch offiziell der politischen Partei Jamiat-i Islami-ye Afghanistan von Burhanuddin Rabbani bei.

Nach einem missglĂŒckten Putschversuch der Islamisten gegen die Regierung war Massoud gezwungen, Afghanistan zu verlassen und kurzfristig in Pakistan unterzutauchen, wo er eine militĂ€rische Ausbildung absolvierte. ZurĂŒck in Afghanistan trat er jedoch fortan neben Rabbani fĂŒr einen friedlicheren Umbruch in Afghanistan ein. Dies fĂŒhrte dazu, dass zwei pakistanische Agenten und der FĂŒhrer der radikalen KrĂ€fte der islamistischen Bewegung, Gulbuddin Hekmatyar, im Jahre 1975 einen ersten Mordanschlag auf Massoud verĂŒbten, den er abwehren konnte und entkam.[3]

[Bearbeiten] Widerstand gegen die Sowjetarmee

Widerstandsgruppen gegen die sowjetischen Truppen 1985; Armee-grĂŒn zeigt Positionen der Jamiat-i Islami, zu der Massoud gehörte. Die von Massoud ab 1984 gefĂŒhrte Shura-e Nazar Allianz beinhaltete viele Jamiat Positionen aber auch die anderer Gruppierungen und kontrollierte die von den sowjetischen Truppen benötigten Versorgungsrouten durch den Hindu Kush und an der Grenze zur Sowjetunion.

1978 waren es schließlich die afghanischen Kommunisten der People's Democratic Party of Afghanistan, die in einem gewaltsamen, von Moskau unterstĂŒtzten Putsch die Macht an sich nahmen. Sie verfolgten strenge Reformvorhaben, aber ebenso eine Gewaltherrschaft. Human Rights Watch schĂ€tzt, dass zwischen dem April 1978 bis zur Invasion der Sowjetunion im Dezember 1979 alleine auf dem Land bis zu 100.000 Menschen ermordet wurden.[6]

1979 marschierten Truppen der Sowjetunion in Afghanistan ein, da es zu landesweiten AufstĂ€nden gekommen war. Diese AufstĂ€nde hatten 24 von 28 Provinzen des Landes erreicht. Ein Teil der afghanischen Armee desertierte.[4] Schon vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen war Massoud zu seinem Geburtsort, dem Panjshir-Tal am Hindukush, zurĂŒckgekehrt. Vom Panjshir ausgehend spielte er fortan eine zentrale Rolle im afghanischen Widerstandskampf. Sein Guerilla-Kampf und sein militĂ€risches Können fĂŒhrten zu zentralen Niederlagen der sowjetischen Truppen. Neun Großoffensiven der Sowjetarmee mit zehntausenden von Soldaten scheiterten in Panjshir.

Robert D. Kaplan schrieb dazu:

„Man muss Ahmad Schah Massoud zu den grĂ¶ĂŸten FĂŒhrern der Widerstandsbewegungen im 20. Jahrhundert zĂ€hlen. Massoud bezwang seinen Gegner genau wie es Marschall Tito, Ho Chi Minh und Che Guevara taten. Massoud kontrollierte ein grĂ¶ĂŸeres Gebiet, das aus militĂ€rischer Sicht viel schwieriger zu halten und unter stĂ€ndigem Beschuss durch den Feind war. Das Gebiet, das unter seiner Kontrolle war, wurde im Vergleich zu den Gebieten, die unter der Kontrolle der Widerstandsbewegung von Marschall Tito, Mao Tse Tung, Ho Chi Minh und Che Guevara standen, stĂ€rker durch den Feind angegriffen.“

– Robert D. Kaplan: The Soldiers of God. 1991

Der ihm zugesprochene militĂ€risch brillante Widerstand brachte Massoud schon bald den Namen „Löwe von Panjshir“ ein. Massoud verteidigte Panjshir erfolgreich bis zum RĂŒckzug der Sowjetarmee. Ahmad Shah Massoud wird eine sehr zentrale Rolle bei der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan zugesprochen.[3][4]

[Bearbeiten] Krieg in Kabul

Nach dem endgĂŒltigen Fall der kommunistischen Regierung im Jahre 1992 wurde durch die Peshawar Accords der Islamische Staat Afghanistan gegrĂŒndet. Mit Ausnahme Gulbuddin Hekmatyars hatten sich im April 1992 alle politischen Parteien auf diesen Friedensvertrag geeinigt.[7] Massoud wurde durch den Friedensvertrag von Peshawar (Peshawar Accords) zum Verteidigungsminister ernannt.[7]

Die NachbarlĂ€nder Afghanistans, insbesondere Pakistan, der Iran und Usbekistan, versuchten jedoch, die strategische Vorherrschaft ĂŒber Afghanistan zu erringen und finanzierten, bewaffneten und leiteten zu diesem Zweck verschiedene kriminelle Elemente und Milizen innerhalb Afghanistans an.[6] Obwohl ihm wiederholt die Position des MinisterprĂ€sidenten angeboten wurde, erhob Gulbuddin Hekmatyar mit UnterstĂŒtzung Pakistans Alleinherrscheranspruch und legte Kabul durch eine großangelegte langjĂ€hrige massive Bombenkampagne in Schutt und Asche.[8] Der Afghanistan-Experte und Direktor des Zentrums fĂŒr Arabische und Islamische Studien der Australian National University, Amin Saikal, kam in Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival zu dem Schluss:

„Pakistan hatte es auf einen Durchbruch in Zentralasien abgesehen. ... Islamabad wusste, dass die neu ernannten islamischen Regierungsmitglieder [in Afghanistan] ... nicht ihre eigenen nationalen Interessen denen Pakistans unterordnen wĂŒrden, damit Pakistan seine regionalen Ambitionen erfĂŒllen konnte. ... Ohne die logistische UnterstĂŒtzung und die Lieferung einer großen Menge an Raketen durch die ISI [pakistanischer Geheimdienst], hĂ€tten Hekmatyars Truppen nicht halb Kabul in Beschuss nehmen und zerstören können.[7] “

– Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival (2006)

Verschiedene Versuche Hekmatyar in die Übergangsregierung als MinisterprĂ€sidenten zu integrieren scheiterten an dessen Unwillen Kompromisse zu schließen.[7] 1993 forderte Hekmatyar explizit den RĂŒcktritt Massouds, im Gegenzug erklĂ€rte er, die Bombardierung Kabuls einstellen zu wollen.[3] Massoud nahm das Angebot an, trat offiziell als Verteidigungsminister zurĂŒck und zog sich in einen nördlich der Hauptstadt gelegenen Ort zurĂŒck. Massouds Bedingungen waren ein Ende der Bombardierung Kabuls und demokratische Wahlen, die zu einem spĂ€teren Zeitpunkt stattfinden sollten.[3][6] Hekmatyar, der von Beobachtern wie dem Pulitzer-Preis Gewinner Roy Gutman vom United States Institute of Peace als „Psychopath“[3] beschrieben wurde, nahm die Bombardierung Kabuls nach einer ersten Kabinettssitzung jedoch wieder auf, da er nicht bereit war auf demokratische Wahlen hinzuarbeiten oder mit anderen Parteien Kompromisse zu schließen.[3] Nach einer Phase, in der ein Verteidigungsrat die Funktion des Verteidigungsminister eingenommen hatte aber uneffektiv geblieben war, wurde Massoud, der das stĂ€rkste militĂ€rische BĂŒndnis jener Zeit anfĂŒhrte, als Verteidigungsminister wieder eingesetzt.[3] Sein Ziel war die Verteidigung der Hauptstadt, die Durchsetzung der Peshawar Accords, welche demokratische Wahlen vorsahen, sowie die Wiedereinsetzung der liberalen Verfassung von 1964.[2]

ZusĂ€tzlich zu den Bombardierungen durch Hekmatyar waren Mitte 1992 Spannungen zwischen der von Saudi-Arabien unterstĂŒtzten wahabitischen Ittihad-i Islami von Abdul Rasul Sayyaf und der vom Iran unterstĂŒtzten schiitischen Hezb-i Wahdat von Abdul Ali Mazari eskaliert.[7] Die Milizen starteten einen blutigen Krieg gegeneinander. Die Hezb-i Wahdat Miliz ging Ende 1992 eine Allianz mit Hekmatyar ein. Abdul Rashid Dostum und seine Junbish-i Milli Miliz schlossen sich dieser Allianz Anfang 1994 an. WĂ€hrend der intensivsten Phase des Bombardements durch die Allianz Hekmatyars starben in Kabul ĂŒber 25.000 Menschen.[9] Auf Grund des schnellen Beginns des Krieges kurz nach der GrĂŒndung des Islamischen Staates, gab es keine funktionierende Polizei und kein funktionierendes Rechtssystem, so dass weite Teile Kabuls im Chaos versanken.[10] Einen großen Beitrag zu dem vorherrschenden Chaos leistete der Umstand, dass Gulbuddin Hekmatyar 10.000 gefĂ€hrliche Kriminelle aus den GefĂ€ngnissen in die Stadt entließ.

In den von Hekmatyar, der Ittihad und Wahdat begonnenen Kriegen wurden weite Teile Kabuls zerstört und tausende Zivilisten getötet. Individuen aller Milizen - auch Individuen in den Regierungstruppen Massouds und von Hekmatyar aus den GefĂ€ngnissen entlassene Verbrecher, die sich als Mitglieder dieser ausgaben - nutzten das Chaos und die Rechtslosigkeit fĂŒr Verbrechen gegen Zivilisten aus. Massoud verurteilte stattfindende Verbrechen.[2] Das Afghanistan Justice Project, welches auch als Quelle fĂŒr Human Rights Watch dient, kam in seiner Untersuchung im Kontext von Übergriffen von bewaffneten Individuen auf Zivilisten zu dem Schluss:

„As in some of the other instances of violence against civilians documented in this report, there is no indication that senior Shura-e Nazar leaders [which included Massoud] ordered the abuses.
(dt.: Wie bei einigen anderen VorfĂ€llen von Gewalt gegen Zivilisten, die in diesem Bericht dokumentiert sind, gibt es kein Indiz dafĂŒr, dass ranghohe Shura-e Nazar FĂŒhrer [zu denen Massoud gehörte] Misshandlungen angeordnet haben).[8]“

– Afghanistan Justice Project (2005)

Ahmad Shah Massoud war AnfĂŒhrer der militĂ€rischen und politischen Allianz Shura-e Nazar, die ĂŒber 130 Kommandeure aus sieben Provinzen und ihre Truppen vereinte. Auf Grund der heftigen Bombenangriffe gegen Kabul, ausgehend von mehreren Fronten (an manchen Tagen bombardierte Hekmatyar Kabul mit bis zu 3.000 Raketen), wurden von Kommandeuren der Shura-e Nazar 10.000 zusĂ€tzliche Truppen nach Kabul geschickt, die unter dem Gesamtkommando Massouds nicht aber unter seiner unmittelbaren und tĂ€glichen Kontrolle standen.[2] Bei Individuen aus den Truppen der Shuar-e Nazar, die Verbrechen begingen, handelte es sich in der damaligen Situation in Kabul um individuell agierende Unterkommandeure oder Individuen, die sich gegen die Zivilbevölkerung wendeten und/oder korrupt wurden, da das Chaos ihnen die Möglichkeit dazu gab.[2] Ein Beispiel, welches in diesem Zusammenhang hĂ€ufig auftaucht, ist die militĂ€rische Operation in Afshar, im Westen Kabuls. Diese Offensive hatte, wie das Afghanistan Justice Project analysiert, ein „klares und nachvollziehbares militĂ€risches Ziel“.[8] Von Afshar ausgehend bombardierten die von Pakistan und dem Iran unterstĂŒtzten Truppen Hekmatyars und Mazaris, zivile Wohngegenden in Kabul und töteten dabei tausende Menschen, um eine Stabilisierung des Islamischen Staates zu verhindern.[8] Um diese Bombenangriffe zu stoppen, griffen Truppen des Verteidigungsministers Massoud sowie verbĂŒndete Truppen die Positionen der mit Hekmatyar verbĂŒndeten Hezb-i Wahdat in Afshar an. Gegen Ende der militĂ€rischen Operation, nach Erreichen der militĂ€rischen Ziele, wĂ€hrend Posten aufgestellt und HĂ€user nach KĂ€mpfern der Wahdat durchsucht wurden, fingen jedoch insbesondere die ebenfalls an der Offensive beteiligten wahabitischen Ittihad-Truppen von Abdul Rasul Sayyaf, welche in der NĂ€he Afshars ihr Hauptquartier hatten und offiziell auf Seiten des Staates Afghanistans kĂ€mpften, an, sich gezielt gegen schiitische Zivilisten zu richten.[8] Die Ittihad-Truppen Sayyafs standen nicht unter der Kontrolle des afghanischen Verteidigungsministeriums sondern unter direkter Kontrolle Sayyafs und wahabitischer Elemente in Saudi-Arabien.[8] Ahmad Shah Massoud reagierte auf die stattfindenden Grausamkeiten, zitierte Abdul Rasul Sayyaf, welcher acht Jahre spĂ€ter eine Rolle bei Massouds Ermordung spielen sollte, sowie weitere fĂŒhrende Kommandeure zu einem Treffen und befahl am zweiten Tag der Offensive ein sofortiges Ende der Verbrechen.[8] Er setzte einen schiitischen Kommandeur, Hussain Anwari, ein, der die Sicherheit fĂŒr die schiitische Zivilbevölkerung wiederherstellen sollte.[8]

Edward Girardet, Direktor des Global Journalism Network in Genf, der zu jener Zeit als Beobachter direkt vor Ort war, erklÀrt:

„Als Massoud im Norden wĂ€hrend des Kampfes gegen die sowjetischen Truppen und gegen Ende der Taliban-Zeit operierte, beobachtete er seine Kommandeure genau und kontrollierte sie gut, aber in Kabul war dies nicht der Fall. ... Er konnte sie nicht alle kontrollieren.[2]“

– Edward Girardet: Global Journalism Network Genf

So berichtet Human Rights Watch auch von keinen Menschrechtsverbrechen der Truppen unter der direkten Kontrolle Ahmad Shah Massouds wĂ€hrend des Widerstands gegen die Taliban fĂŒr den Zeitraum von Oktober 1996 bis zu Massouds Ermordung im September 2001.[11]

Farid Amin berichtet ĂŒber einen exemplarischen Vorfall fĂŒr die Zeit in Kabul:

„Eines Tages war Massoud auf dem Weg von Kabul nach Shamali, und er sah einen LKW, der ihm verdĂ€chtig erschien. Er stoppte ihn und als er ihn öffnen ließ, waren WertgegenstĂ€nde in ihm zu finden, Dinge, die anderen Leuten gehörten und wahrscheinlich aus HĂ€usern oder RegierungsgebĂ€uden entwendet worden waren. Er beschuldigte sie: "Ihr seid Diebe und versucht zu stehlen." Dann sah er sein eigenes Bild in ihrem LKW - Leute versuchten Massouds Namen und Bild zu benutzen um Macht zu erlangen oder sich einen Vorteil zu verschaffen - und er sagte: "Als erstes entfernt das Bild eures FĂŒhrers, des FĂŒhrers von Dieben." Auf seine Art und Weise teilte er ihnen mit, wenn ihr sagt, ich bin euer FĂŒhrer und ihr tut solche Dinge, dann macht ihr das aus mir - einen FĂŒhrer von Dieben.[2]“

– Farid Amin: in "Massoud" (Webster University Press 2009)

John Jennings, ein Journalist der Associated Press und des The Economist, war von 1992 bis 1994 als Beobachter u. a. fĂŒr Human Rights Watch direkt vor Ort in Kabul und auch wĂ€hrend der Afshar Operation anwesend. Er berichtet folgendes:

„Er [Massoud] kann schwerlich fĂŒr die Anwesenheit von unverantwortlichen bewaffneten Gruppen in der Hauptstadt beschuldigt werden, nachdem er alles getan hat, was in seiner Macht stand, um diese Anwesenheit zu verhindern. Bis November 1994 erlebte ich aus erster Hand die Dilemma, die sich fĂŒr ihn ergaben, und die erstaunliche ZurĂŒckhaltung, mit der er ihnen begegnete ... Jede Volksbewegung, wenn sie wirklich vom Volk ausgeht, beherbergt ein kriminelles Element, schon weil jede grĂ¶ĂŸere Population ein kriminelles Element beherbergt. ... Verbrechen durch seine Truppen waren selten und wurden bestraft, wann immer sie ĂŒberfĂŒhrt werden konnten. ... Seine Feinde auf der anderen Seite begingen Massenmord, Diebstahl und ethnische SĂ€uberungen als systematische Politik. ... HĂ€tte Massoud nicht gekĂ€mpft, um Kabul gegen die Angriffe dieser Milizen zu halten, wĂ€re die Menschenrechtssituation in Afghanistan und in der ganzen Region erheblich schlimmer gewesen als sie war.[2]“

– John Jennings: Associated Press

Die Milizen, die den Islamischen Staat und damit gegen den Verteidigungsminister Massoud kĂ€mpften, waren fĂŒr ihr gezieltes Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung berĂŒchtigt. Gulbuddin Hekmatyar schnitt Kabul von der Nahrungsmittel-, Wasser- und Energieversorgung ab.[8] Vom Iran kontrollierte schiitische Wahdat-Truppen (sowie die von Saudi-Arabien unterstĂŒtzte sunnitisch-wahabitische Ittehad) entfĂŒhrten und töteten tausende Menschen der (jeweiligen) "Gegenseite" in gezielten Kampagnen.[8] Einige Truppen von Rashid Dostum waren zu jener Zeit besonders gefĂŒrchtet bei der Zivilbevölkerung auf Grund ihrer Übergriffe gegen Familien.[8] Die Taliban sollten zu einem spĂ€teren Zeitpunkt Massaker begehen, die von Beobachtern der Vereinten Nationen mit denen wĂ€hrend des Bosnienkrieges verglichen wurden.[12][13]

Laut vieler Zeitzeugenaussagen belasteten Massoud die Verbrechen persönlich sehr.[2][14] 1993 grĂŒndete er die Mohammad Ghazali Kultur Stiftung ("Bonyad-e Farhangi wa Ta'wani Mohammad-e Ghazali") welche zum grĂ¶ĂŸten afghanischen humanitĂ€ren Partner fĂŒr das Internationale Rote Kreuz wurde und ĂŒberparteilich und politisch unabhĂ€ngig afghanische Kultur förderte.[2][15] Ein Teil der Ghazali Stiftung beschĂ€ftigte Ärzte, die sich an einigen Tagen der Woche um die kostenlose medizinische Behandlung und Versorgung von Einwohnern Kabuls kĂŒmmerten, die eine solche anders nicht hĂ€tten finanzieren können.[2] Auch beschĂ€ftigte die Ghazali Foundation Sozialarbeiter, welche Familien berieten.[2]

Ende 1994/Anfang 1995 besiegte der Verteidigungsminister Ahmad Shah Massoud die Milizen, die um die Kontrolle der Hauptstadt Kabul gekĂ€mpft hatten, in Kabul. Die Bombardierung der Hauptstadt kam zu einem Halt.[16][17] Die Regierung des Islamischen Staates unternahm Maßnahmen zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung, Gerichte nahmen ihre Arbeit wieder auf. Einige Individuen innerhalb der Regierungstruppen, die Verbrechen begangen hatten und ĂŒberfĂŒhrt worden waren, wurden zur Verantwortung gezogen und verurteilt.[18] Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung, Stabilisierung und demokratischen Wahlen.[19] Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus den meisten Provinzen Afghanistans statt.[19] Massoud lud auch die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von StabilitĂ€t zu beteiligen.[19]

Auch Kandahar im SĂŒden des Landes hatte 1994 blutige KĂ€mpfe erlebt. Der SĂŒden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von durch außen kontrollierte Milizen wie der Hekmatyars. Lokale Milizen- oder StammesfĂŒhrer hatten diesen Teil Afghanistans beherrscht. 1994 waren die Taliban in der sĂŒdlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung getreten.[20] Sie hatten am 5. November 1994 die Stadt Kandahar unter ihre Kontrolle gebracht. Bis zum 25. November 1994 kontrollierten sie die Stadt Lashkar Gah und die Provinz Helmand. Im Laufe des Jahres 1994 hatten sie weitere Provinzen im SĂŒden und Westen des Landes, die nicht unter Kontrolle der Zentralregierung standen, erobert. Die Taliban lehnten eine demokratische Staatsform ab.[19]

Anfang 1995 starteten die Taliban eine großangelegte Bomben- und Belagerungskampagne gegen Kabul, die zwei Jahre andauerte. Amnesty International schrieb:

„Dies ist das erste Mal nach einigen Monaten, dass die Zivilisten Kabuls das Ziel von Bombenangriffen wurden, die sich gegen Wohnbezirke in der Stadt richteten.[16]“

– Amnesty International (1995)

Die Taliban erlitten zunĂ€chst schwere Niederlagen gegen die Truppen Massouds.[16] Internationale Beobachter vermuteten bereits das Ende der Talibanbewegung. Zwei Jahre belagerten und bombardierten die Taliban Kabul. Im September 1996 hatten sich die Taliban mit militĂ€rischer UnterstĂŒtzung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi Arabien neu formiert und planten eine Großoffensive gegen Kabul. Maßgeblich beteiligt an der finanziellen und materiellen Förderung der Taliban durch Pakistan waren der damalige General und spĂ€tere PrĂ€sident Pervez Musharraf und Innenminister Nasirullah Babar, der die Taliban als "unsere Jungs" bezeichnete.[21]

Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen RĂŒckzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans.[22][5] Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistans blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans (mit einem Sitz bei den Vereinten Nationen).

Die im Sowjetisch-Afghanischen Krieg verwĂŒsteten lĂ€ndlichen Regionen waren wĂ€hrend des Krieges in Kabul von KĂ€mpfen kaum betroffen und Wiederaufbau hatte begonnen. Dies Ă€nderte sich als die Taliban versuchten die Kontrolle ĂŒber Afghanistan auszubauen und hierbei eine Politik der Verbrannten Erde verfolgten.[23][24]

[Bearbeiten] Widerstand gegen die Taliban

Territoriale Kontrolle in Afghanistan Ende 1996: Massoud (blau), Taliban (grĂŒn), Dostum (rosa), Hezb-i Wahdat (gelb)

Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung wĂ€hrend sie versuchten ihre Stellung im Westen und Norden Afghanistans zu festigen.[12][13] Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001.[12][13] Diese seien vergleichbar mit den ethnischen SĂ€uberungen wĂ€hrend des Bosnienkrieges, "höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium [der Taliban] oder Mullah Omar persönlich zurĂŒckzufĂŒhren."[12][13] Die sogenannte 055 Brigade Al-Qaidas war ebenfalls an Greueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.[25] Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen welche beschreiben, dass arabische MilizionĂ€re lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen hĂ€uteten.[12][13]

Ahmad Shah Massoud und Abdul Rashid Dostum, frĂŒhere Gegner, grĂŒndeten die Vereinte Front ursprĂŒnglich als Reaktion auf massive Talibanoffensiven gegen die Gebiete unter der Kontrolle Massouds auf der einen Seite und die Gebiete unter der Kontrolle Dostums auf der anderen Seite. siehe video Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Dieser traten die von den Taliban durch ethnische SĂ€uberungen verfolgte Volksgruppe der Hazara bei, ebenso wie paschtunische anti-Taliban FĂŒhrer wie der spĂ€tere PrĂ€sident Hamid Karzai, der aus dem SĂŒden Afghanistans stammt, oder Abdul Qadir. Qadir entsprang einer einflussreichen Familie, welche großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Jalalabad genoss. Insgesamt schlossen sich Vertreter aus allen Teilen und aller Ethnien Afghanistans der Vereinten Front an.

Die Situation der Menschenrechte hing von den jeweiligen Kommandeuren ab, die bestimmte Gebiete kontrollierten. Human Rights Watch verzeichnet keine Menschrechtsverbrechen fĂŒr die Truppen unter der direkten Kontrolle Ahmad Shah Massouds fĂŒr den Zeitraum von Oktober 1996 bis zu Massouds Ermordung im September 2001.[11] Massoud hatte Kontrolle ĂŒber Panjshir, Thakar, einige Teile Parwans und Badakshans. Zwischenzeitlich waren auch Nuristan, Kunduz und die Gebiete nördlich Kabuls unter seiner Kontrolle.

Nach der Niederlage Dostums und anderer regionaler FĂŒhrer, blieb Ahmad Shah Massoud der einzige Kommandeur, der seine Gebiete erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan intervenierte militĂ€risch auf Seiten der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeifĂŒhren.

Der ehemalige pakistanische MilitÀrmachthaber und PrÀsident Pervez Musharraf sandte zehntausende Pakistaner, um an der Seite der Taliban gegen die Vereinte Front zu kÀmpfen.

Der pakistanische PrĂ€sident Pervez Musharraf - damals u. a. als Stabschef des MilitĂ€rs - entsandte zehntausende Pakistaner um an der Seite der Taliban und Al-Qaida gegen die Vereinte Front zu kĂ€mpfen.[19][26][27][28] Insgesamt gehen SchĂ€tzungen von 28.000 pakistanischen StaatsbĂŒrgern, die innerhalb Afghanistans kĂ€mpften, aus.[19] 20.000 davon waren regulĂ€re pakistanische Soldaten des sogenannten Frontier Corps oder der Armee. Weitere geschĂ€tzte 8.000 waren MilizionĂ€re, die in sogenannten Madrassas rekrutiert wurden, um innerhalb der Armee der Taliban zu kĂ€mpfen.[25] Die geschĂ€tzten 25.000 Talibantruppen beinhalteten 8.000 pakistanische StaatsbĂŒrger.[25] Ein Dokument des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahre 1998 bestĂ€tigt, "20-40 Prozent der [regulĂ€ren] Taliban Soldaten sind Pakistaner."[26] Der Bericht des Außenministeriums beschreibt ebenfalls, dass die Eltern der pakistanischen StaatsbĂŒrger "nicht von der militĂ€rischen Involvierung ihrer Kinder mit den Taliban wissen, bis ihre [toten] Körper zurĂŒck nack Pakistan gebracht werden."[26]

Weitere 3000 Soldaten der regulÀren Taliban Armee waren MilizionÀre aus arabischen LÀndern oder Zentralasien.[25] Von 1996 bis 2001 wurde die Al-Qaida von Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri zu einem Staat innerhalb des Taliban Staates.[29] Bin Laden sandte seine Rekruten gegen die Vereinte Front.[29][30]

Von geschÀtzten 45.000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kÀmpften, waren nur etwa 14.000 Afghanen.[25][19]

Die Taliban boten Massoud wiederholt eine Machtposition an. Massoud lehte dies ab. Er erklÀrte in einem Interview:

„Die Taliban sagen: 'Komm und akzeptiere das Amt des MinisterprĂ€sidenten und schließe dich uns an', und sie wĂŒrden das höchste Amt im Land, die PrĂ€sidentschaft, behalten. Aber fĂŒr was einen Preis?! Der Unterschied zwischen uns liegt darin, wie wir ĂŒber die grundlegendsten Prinzipien der Gesellschaft und des Staates denken. Wir können nicht ihre Konditionen fĂŒr einen Kompromiss akzeptieren, sonst mĂŒssten wir die Prinzipien einer modernen Demokratie aufgeben. Wir sind fundamental gegen das System welches sich "das Emirat Afghanistans" nennt. ...
Es sollte ein Afghanistan geben, indem sich jeder Afghane und jede Afghanin glĂŒcklich fĂŒhlen kann. Und ich denke, dies kann nur durch eine Demokratie, die auf Konsens basiert, gesichert werden.[31][32]“

Massouds Friedenvorschlag hatte das Ziel demokratischer Wahlen, in denen das afghanische Volk selbst ĂŒber seine FĂŒhrung entscheiden sollte.[31][33]

Territoriale Kontrolle in Afghanistan im Jahr 2000: Massoud (blau), Taliban (grĂŒn)

Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militÀrischem Druck und einer globalen politischen Agenda an.[34] Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden zunehmend stÀrker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete.[34] Insgesamt flohen schÀtzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban.[35] Hunderttausende Zivilisten flohen in die Gebiete von Ahmad Shah Massoud.[27][36] Der National Geographic kam in seiner Dokumentation "Inside the Taliban" zu dem Schluss:

„Das einzige, was zukĂŒnftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Shah Massoud.[27] “

– National Geographic: Inside the Taliban

In den Gebieten unter seiner Kontrolle errichtete Massoud demokratische Institutionen und unterschrieb die Deklaration fĂŒr Frauenrechte.[19] Er trainierte verstĂ€rkt PolizeikrĂ€fte, die eine Wiederholung des Chaos von Kabul (1992-1994) verhindern sollten, wĂŒrde die Vereinte Front erfolgreich sein.[34][19]

Im FrĂŒhling 2001 sprach Ahmad Shah Massoud vor dem EuropĂ€ischen Parlament in BrĂŒssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die Menschen Afghanistans.[35] Er erklĂ€rte, dass die Taliban und Al-Qaida eine "sehr falsche Interpretation des Islam" eingefĂŒhrt hĂ€tten und dass die Taliban, wenn sie nicht die UnterstĂŒtzung Pakistans hĂ€tten, ihre militĂ€rischen Kampagnen in dem Zeitraum eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten.[35] Auf seinem Besuch nach Europa, bei dem ihn die europĂ€ische ParlamentsprĂ€sidentin Nicole Fontaine den "Pol der Freiheit in Afghanistan" nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.[37][38]

[Bearbeiten] 9. September 2001

Am 9. September 2001 zĂŒndeten Abd al-Sattar und Bouraoui el Ouaer, zwei SelbstmordattentĂ€ter der al-Qaida, die sich als belgische Journalisten ausgegeben hatten, wĂ€hrend eines Interviews mit Massoud in Tachar eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten.[39] Massoud starb wenig spĂ€ter an seinen Verletzungen.[40] Nach neuesten Erkenntnissen arbeiteten Gruppierungen in 21 Nationen an der Ermordung Massouds. Zuvor waren bereits ĂŒber 26 Jahre lang etliche Attentatsversuche des sowjetischen, des afghanisch-kommunistischen und des pakistanischen Geheimdienstes, sowie Hekmatyars, der Taliban und der Al-Qaida gescheitert. Enge Vertraute Massouds berichten, dass Massoud in den Wochen vor seinem Tod eine Vorahnung seines Todes hatte und Familienmitglieder vermehrt auf diese Möglichkeit vorzubereiten versuchte.[2][14] Obwohl die Beerdigung in dem sehr lĂ€ndlichen Panjshir-Tal stattfand, nahmen hunderttausende trauernder Afghanen an ihr teil.[41]

[Bearbeiten] Nationalheld und 'Löwe von Panjshir'

Eine Portrait Massouds im Fußballstadium von Ghazni.

Massoud hat eine zentrale und sehr bedeutende Rolle in der jĂŒngsten Geschichte Afghanistans eingenommen. Im Jahr 2001 wurde er von dem afghanischen PrĂ€sidenten Hamid Karzai offiziell zum „Nationalheld der afghanischen Nation“ erklĂ€rt. Massouds Todestag, der 9. September, ist ein nationaler Tag der Erinnerung. Zu seiner Beerdigung versammelten sich im lĂ€ndlich gelegenen Panshir-Tal hunderttausende trauernder Menschen.[42]

Die neue GedenkstÀtte im Inneren mit dem Leichnam von Massoud (2010)

Im Jahre 1989, als sich die Sowjetunion nach zehn Jahren besiegt und gedemĂŒtigt aus Afghanistan zurĂŒckziehen musste, widmete das Wall Street Journal Ahmad Schah Massoud ein Titelblatt: The Afghan Who Won The Cold War. WĂ€hrend der Herrschaft der Taliban, stellte Massoud den einzigen Schutz fĂŒr verfolgte Menschen und den einzigen Widerstand gegen die Taliban dar. WĂ€hrend andere AnfĂŒhrer ins Exil gingen, war Ahmad Shah Massoud der einzige der bekannten militĂ€rischen und politischen FĂŒhrer Afghanistans, der wĂ€hrend der Invasion der sowjetischen Truppen und spĂ€ter der von Pakistan unterstĂŒtzten Taliban Afghanistan zu keinem Zeitpunkt verließ.[30]

Er gilt bei vielen Afghanen als Volksheld – auch außerhalb Afghanistans, wie zum Beispiel in Tadschikistan und im Iran. Anders wird er von AnhĂ€ngern der Taliban oder Hekmatyar gesehen. Massoud hatte stets zur nationalen Einheit aufgerufen und die afghanische IdentitĂ€t ĂŒber fĂŒr ihn unbedeutende ethnische Zugehörigkeiten gestellt. Der bekannte amerikanische Journalist Sebastian Junger sagt ĂŒber Massoud: „Viele Leute, die ihn kannten, hatten das GefĂŒhl, dass er die beste Hoffnung fĂŒr jenen Teil der Welt darstellte.“ Ein anderer Analyst schrieb 2004 vor den afghanischen Wahlen: „Ein Mann hat ein stĂ€rkeres politisches Gewicht als alle 18 lebenden afghanischen PrĂ€sidentschaftskandidaten. Obwohl bereits seit drei Jahren tot ... Seit seinem Tod am 9. September 2001 ... wurde Massoud von einem Mujahid zum Nationalheld – wenn nicht sogar einem Heiligen. Bilder Massouds [in den Straßen, GebĂ€uden und Haushalten Afghanistans] ... ĂŒbertreffen die eines jeden anderen Afghanen bei weitem inklusiver derer [des PrĂ€sidenten] Karzais.“[43] Dr. Abdullah Abdullah, einer der engsten Freunde Massouds und stĂ€rkster Gegenkandidat Karzais bei den PrĂ€sidentschaftswahlen im Jahr 2009, sagte ĂŒber Massoud: „Er war alles. Er war ein Freund. Er war ein FĂŒhrer. Er war ein Lehrer ohne wie ein Lehrer aufzutreten.“[30][44] Im Jahr 2003 grĂŒndeten ehemalige WeggefĂ€hrten Massouds die Massoud Foundation, als eine unabhĂ€ngige und ĂŒberparteiliche Hilfsorganisation. Sie unterstĂŒtzt und unternimmt Projekte im Bereich der Bildung, Gesundheitsversorgung sowie im Bereich der Kultur und des Wiederaufbaus.

Es gibt verschiedene Dokumentation wie den Dokumentarfilm "Massoud - Destiny's Afghan" von Iqbal Malhotra oder die französische Dokumentation Massoud: L'Afghan. Massoud ist z. B. auch ein Teil der Handlung von Ken Folletts Roman Die Löwen oder in James McGee's Thriller Crow's War. In der amerikanischen Serie The Path to 9/11[45][46] werden seine Warnungen vor einem terroristischen Anschlag sowie seine Ermordung thematisiert und dargestellt.

Das bisher ausfĂŒhrlichste PortrĂ€t Massouds verfasste die Argentinierin Marcela Grad mit ihrem Werk "Massoud. An intimate portrait of the legendary Afghan leader", welches 2009 durch den Verlag der amerikanischen Webster UniversitĂ€t erschien.

[Bearbeiten] Familie

Massoud hinterließ eine Ehefrau und sechs Kinder, die heute im Iran leben. Im Jahr 2005 veröffentlichte seine Frau, Sediqa Massoud, zusammen mit zwei Freundinnen und Frauenrechtlerinnen, ChĂ©kĂ©ba Hachemi und Marie-Francoise Colombani, das Buch "Pour l'amour de Massoud" ĂŒber ihr Leben mit Massoud. In diesem beschreibt sie einen sehr ehrbaren und liebevollen Ehemann und Vater.

Der erste VizeprĂ€sident nach dem Sturz der Taliban, Ahmad Zia Massoud, ist der jĂŒngere Bruder von Ahmad Shah Massoud. Ahmad Zia Massoud hat Ende 2011 mit weiteren afghanischen FĂŒhrern die National Front of Afghanistan gegrĂŒndet, die als Wiedergeburt der United Front (Nordallianz) angesehen wird, welche die Taliban Ende 2001 von der Macht entfernte. Die Asia Times analysierte, "wie die Gruppierungen der Nordallianz es sehen, verfolgt Pakistan [UnterstĂŒtzer der Taliban] eine Strategie des Aussitzens in Bezug auf die Zeitspanne von heute bis 2014 - das Datum fĂŒr den RĂŒckzug der US-Truppen - um dann die Taliban neu zu formieren und einen Versuch zu unternehmen, die Macht in Kabul an sich zu reißen. Die starke Einigkeit [der Nordallianz] in Berlin zeigt, dass sie nicht einfach am Rande stehen und einem ausschließlichem US-Taliban-Pakistan Deal, der ihrer Nation auferlegt wird [und von dem sie ausgeschlossen werden], weichen werden."[47]

[Bearbeiten] Zitate

„Unsere Politik war stets, dass wir gute und freundschaftliche Beziehungen zu allen haben. Aber wir haben unsere Unterwerfung niemals akzeptiert und werden sie auch nie akzeptieren.“

„Wenn Sie nach Chay Ab ins GefĂ€ngnis fahren, finden Sie dort Ghollam Salim, den Tycoon des Drogenhandels. In einer einzigen Aktion beschlagnahmten wir bei ihm eine halbe Tonne Opium. Jetzt sitzt er bereits das dritte Jahr im GefĂ€ngnis. Trotz all seines Geldes und Einflusses.“

„Die kĂŒnftige Regierung sollte in direkten Wahlen durch die Stimmen der gesamten Bevölkerung bestimmt werden. MĂ€nner wie Frauen sollten daran teilhaben. Die einzige Regierungsart, die in der Lage wĂ€re, einen gesellschaftlichen Ausgleich der verschiedenen Ethnien zu schaffen, ist die Demokratie“.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Weblinks

Ahmad Shah Massoud - Destiny's Afghan (Dokumentarfilm ĂŒber Massouds Leben von Iqbal Malhotra)

Ahmad Shah Massoud in Europa

Afghanistan - the Squandered Victory (Dokumentarfilm der BBC ĂŒber Afghanistan nach dem Abzug der sowjetischen Truppen im Jahre 1989)

Commander Massoud's Struggle (Dokumentarfilm von Nagakura Hiromi aus dem Jahre 1992 ĂŒber die AnfĂ€nge des Krieges in Kabul)

Massouds Kampf gegen die Taliban (Zeitzeugenberichte der australischen ABC/Journeyman Pictures)

Massoud's Conversation with Hekmatyar (Originaldokument aus dem Jahr 1992)

Trauerzug zu Ehren Massouds

Who Killed Massoud? (Dokumentarfilm) von Didier Martiny

Massoud l'Afghan (Dokumentarfilm) von Christophe de Ponfilly

The Lion Of Panjshir (Symphony No. 2) for narrator and symphonic band by composer David Gaines

Textlinks:

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. ↑ Latham, Judith (March 12, 2008). "Author Roy Gutman Talks About What Went Wrong in the Decade Before 9/11 Attacks", Voice of America News.
  2. ↑ a b c d e f g h i j k l m n Marcela Grad: Massoud - Portrait of the Legendary Afghan Leader; Webster University Press; 2009
  3. ↑ a b c d e f g h GUTMAN, Roy (2008): How We Missed the Story: Osama Bin Laden, the Taliban and the Hijacking of Afghanistan, Endowment of the United States Institute of Peace, 1st ed., Washington D.C.
  4. ↑ a b c Amin Saikal (2004): Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival, I.B. Tauris & Co Ltd., London New York
  5. ↑ a b National Geographic: Inside the Taliban
  6. ↑ a b c Human Rights Watch (2001): Afghanistan, Crisis of Impunity, The Role of Pakistan, Russia, and Iran in Fueling the Civil War
  7. ↑ a b c d e Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival, 2006 1st, I.B. Tauris & Co Ltd., London New York, ISBN 1-85043-437-9
  8. ↑ a b c d e f g h i j k Afghanistan Justice Project (2005): Casting Shadows: War Crimes and Crimes against Humanity 1978-2001, Documentation and analysis of major patterns of abuse in the war in Afghanistan
  9. ↑ Casting Shadows: War Crimes and Crimes against Humanity: 1978-2001. Afghanistan Justice Project (2005). Abgerufen am 22. Januar 2011.
  10. ↑ II. BACKGROUND. Human Rights Watch. Abgerufen am 22. Januar 2011.
  11. ↑ a b Human Rights Watch Backgrounder, October 2001. Human Rights Watch (2001). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  12. ↑ a b c d e Newsday (October 2001): Taliban massacres outlined for UN. Chicago Tribune. Abgerufen am 21. Januar 2011.
  13. ↑ a b c d e Newsday (2001): Confidential UN report details mass killings of civilian villagers. newsday.org. Abgerufen am 12. Oktober 2001.
  14. ↑ a b Sediqa Massoud/ChĂ©kĂ©ba Hachemi/Marie-Francoise Colombani: Pour l'amour de Massoud; document XO Editions; 2005
  15. ↑ Afghanistan Online: Biography Ahmad Shah Massoud
  16. ↑ a b c Amnesty International. "DOCUMENT - AFGHANISTAN: FURTHER INFORMATION ON FEAR FOR SAFETY AND NEW CONCERN: DELIBERATE AND ARBITRARY KILLINGS: CIVILIANS IN KABUL." 16. November 1995, abgerufen von http://www.amnesty.org/en/library/asset/ASA11/015/1995/en/6d874caa-eb2a-11dd-92ac-295bdf97101f/asa110151995en.html
  17. ↑ Afghanistan: escalation of indiscriminate shelling in Kabul. International Committee of the Red Cross (1995). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  18. ↑ BBC Newsnight 1995
  19. ↑ a b c d e f g h i Marcela Grad: Massoud: An Intimate Portrait of the Legendary Afghan Leader, March 1, 2009, S. 310, Webster University Press
  20. ↑ Matinuddin, Kamal, The Taliban Phenomenon, Afghanistan 1994-1997. Oxford University Press, (1999)
  21. ↑ UnterstĂŒtzung der Taliban von Pakistan
  22. ↑ Coll, Ghost Wars (New York: Penguin, 2005), 14.
  23. ↑ Re-Creating Afghanistan: Returning to Istalif. In: NPR, 1. August 2002. 
  24. ↑ Larry P. Goodson: Afghanistan's Endless War: State Failure, Regional Politics and the Rise of the Taliban, S. 121, University of Washington Press 2002, ISBN 978-0295981116
  25. ↑ a b c d e Afghanistan resistance leader feared dead in blast. Ahmed Rashid in the Telegraph (2001). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  26. ↑ a b c Documents Detail Years of Pakistani Support for Taliban, Extremists. George Washington University (2007). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  27. ↑ a b c Inside the Taliban. National Geographic (2007). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  28. ↑ History Commons. History Commons (2010). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  29. ↑ a b BOOK REVIEW: The inside track on Afghan wars by Khaled Ahmed. Daily Times (Pakistan) (2008). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  30. ↑ a b c Brigade 055. CNN (unknown). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  31. ↑ a b The Last Interview with Ahmad Shah Massoud. Piotr Balcerowicz (2001). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  32. ↑ The man who would have led Afghanistan. St. Petersburg Times (2002). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  33. ↑ Proposal for Peace, promoted by Commander Massoud. peace-initiatives.com (1998). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  34. ↑ a b c Steve Coll: Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001, February 23, 2004, Penguin Press HC
  35. ↑ a b c Massoud in the European Parliament 2001. EU media (2001). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  36. ↑ Inside the Taliban. National Geographic (2007). Abgerufen am 21. Januar 2011.
  37. ↑ Defense Intelligence Agency (2001) report http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB97/tal31.pdf
  38. ↑ Massoud warnt Amerika und die Welt
  39. ↑  Seth G. Jones: In the Graveyard of Empires. America's War in Afghanistan. W.W. Norton & Company, New York 2009, ISBN 9780393068986, Operation Enduring Freedom, S. 86, 87.
  40. ↑ "Rebel Chief Who Fought The Taliban Is Buried"
  41. ↑ Panjshir TV Übertragung der Beerdigung Massouds
  42. ↑ Übertragung der Beerdigung Massouds durch afghanische Medien (Video)
  43. ↑ Playing the Massoud card. Eurasianet.org (2004). Abgerufen am 7. Oktober 2010.
  44. ↑ He would have found Bin Laden. CNN (2009). Abgerufen am 7. Oktober 2010.
  45. ↑ Ahmad Shah Massoud's warning to the United States, The Path to 9/11 (video clip)
  46. ↑ Assassination of Ahmad Shah Massoud, The Path to 9/11 (video clip)
  47. ↑ There's more to peace than Taliban. In: Asia Times. 9. Januar 2012, abgerufen am 14. Januar 2012 (englisch).
 Commons: Ahmad Shah Massoud â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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